„Umweltschutz ist ein großes Thema“

Interview mit Norbert van Noesel, Marketing Manager bei Thetford.

Norbert van Noesel, Marketing Manager bei Thetford.
Foto: Norbert van Noesel/Thetford.

Die Campingszene schießt sich gerade auf die Chemietoiletten ein, und das Angebot an Trockentoiletten überschwemmt scheinbar den Markt. CI sprach mit dem Marktführer Thetford über die derzeitige Situation und den Ruf der Chemietoiletten.

Chemietoiletten und Chemiezusätze

CI: Warum haben Chemietoiletten und Chemiezusätze oft so einen schlechten Ruf?
Norbert van Noesel: Eine gute Frage, die ich auch nicht so richtig beantworten kann. Viele Menschen glauben: Natur ist gut, und Chemie ist schlecht. Bei uns im Haus nennen wir das „Chemophobia“. Und dabei ist der Begriff Chemie durchaus auch positiv konnotiert – zum Beispiel in dem Sprichwort „Da stimmt die Chemie“, wenn sich zwei Menschen gut verstehen.

CI: Ist denn nicht eigentlich fast alles Chemie – angefangen von Prozessen im menschlichen Körper über Verbindungen in der Natur bis hin zu künstlich produzierten Mitteln wie Toilettenzusätzen?
Norbert van Noesel: Genau so ist es. Chemie bedeutet in unserem Fall, man bereitet Stoffe so auf, dass sie in einem Produkt ihren Zweck erfüllen. Das geht mit synthetischen, aber genauso auch mit natürlichen Stoffen. Chemie bedeutet deswegen nicht immer, dass etwas unnatürlich ist. Unser Badezimmerreiniger beispielsweise basiert auf natürlichen Inhaltsstoffen, ist aber chemisch aufbereitet, damit diese auch wirken.

CI: Das heißt: Chemie ist nicht immer schlecht?
Norbert van Noesel: Überhaupt nicht – und natürliche Stoffe sind nicht immer gut. Chemie hat uns geholfen, Krankheiten nicht zu übertragen, indem wir unsere Hände mit chemisch hergestellter Seife waschen. Umgekehrt ist Wasser in seiner Basis sehr natürlich, auch Meerwasser. Aber ein Liter Salzwasser an der falschen Stelle – zum Beispiel beim Blumengießen – ist trotzdem extrem schädlich.

CI: Also müssen wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass Natur immer gut ist?
Norbert van Noesel: Absolut. Ein anderes Beispiel: Eine Zitrone ist natürlich, gesund und ganz bestimmt nicht umweltschädlich. Aber wenn ich mir den Saft ins Auge tropfe, ist die Chance groß, dass ich mindestens ein paar Stunden nichts mehr sehe. Wir machen aber kein Gefahrenzeichen auf die Zitrone, weil ihr Saft nicht in einer Flasche ist. Aber auch die Natur kann sehr gefährlich sein.

„Umweltschutz ist ein großes Thema – auch wir wollen die Welt für die nächste Generation so gut wie möglich hinterlassen.“

Marketing-Claims

CI: Was bedeutet es denn, wenn auf einem Produkt so etwas steht wie „völlig biologisch“, „rein natürlich“ oder „100 Prozent chemical free“?
Norbert van Noesel: In den meisten Fällen ist das übertriebenes Marketing. 100 Prozent chemical free müsste ja bedeuten, dass alles, was in der Flasche ist, schon genauso in der Natur vorkam. In vielen Reinigern sind tatsächlich nur natürliche Inhaltsstoffe wie Zitronenextrakt drin – allerdings chemisch aufbereitet, um zu wirken. Das ist dann schon nicht mehr „chemical free“. Und wenn man so etwas liest wie „enthält natürliche Seifen“, dann ist das einfach Quatsch. Ich jedenfalls habe den Baum noch nicht gefunden, von dem man Seife pflücken kann. Seife ist immer chemisch hergestellt aus Öl oder Fetten. Ein Claim wie „100 Prozent biologisch“ ist Unsinn – aber viele Hersteller versprechen eben das, was die Verbraucher gerne hören.

CI: Gibt es denn keine Instanz, die solch übertriebenes Marketing kontrolliert und verhindert? Oder Kriterien dafür, wann sich ein Produkt biologisch, umweltschonend oder ähnliches nennen darf?
Norbert van Noesel: Bislang nicht, aber die EU ist dabei, solche Regeln aufzustellen. [Green Claims Directive, Anm. d. Red.] Wir hoffen, dass es damit spätestens 2025 oder 2026 klare Regeln geben wird, was man claimen darf und was nicht.

CI: Und wie handhabt Thetford solche Marketing-Claims?
Norbert van Noesel: Wir haben eine Chemieabteilung, die unsere Produkte auf Wirkung und Funktionalität testet. Claimen dürfen wir nur, was wir auch getestet haben. Wir wollen transparent, klar und sauber sein. Was wir claimen, können wir auch beweisen.

„Wir sind nicht Mr. Grün – aber Mr. Grüner-als-gestern“

Einfluss Chemiezusätze auf die Umwelt

CI: Zurück zu den Chemietoiletten und Zusätzen. Wie groß ist der Einfluss der Toiletten und Chemiezusätze auf die Umwelt denn tatsächlich?
Norbert van Noesel: Erst mal verbraucht eine Chemietoilette deutlich weniger Wasser als eine Toilette zu Hause – nämlich nur rund fünf Prozent. Das allein ist schon umweltschonend. Die Zusätze wären in ihrer konzentrierten Form, wie sie sich in der Flasche befinden, natürlich umweltschädlich – daher die Gefahrenzeichen. Sobald sie aber mit Wasser und menschlichen Abfällen verdünnt werden, ist ihr Effekt auf die Umwelt komplett zu vernachlässigen. Auch normale WC-Reiniger für den Hausgebrauch sind häufig nicht biologisch und dürfen dennoch ganz normal ins Abwasser gegeben werden.

CI: Und was ist der Unterschied zu eurem grünen Toilettenzusatz?
Norbert van Noesel: Unser grüner Zusatz basiert auf anderen Grundstoffen und kann in abgeschlossenen Klärgruben verwendet werden, das ist der wichtigste Unterschied. Der blaue Zusatz hat die stärkste Geruchsunterdrückung und kann bis zu fünf Tage verwendet werden, beim Grünen empfehlen wir eine Entleerung alle vier Tage. Beide können aber auch zu Hause bedenkenlos in der normalen Toilette entsorgt werden. Dass einige Campingplätze dies verbieten, liegt vor allem an den Gerüchen und der Sauberkeit auf den Toiletten – niemand möchte dort Spritzer von der Kassettenentleerung vorfinden. Unterirdisch fließt aber bei 90 Prozent aller Plätze alles zusammen.

CI: Wie sieht es mit Zusätzen aus, die rein auf Basis von natürlichen Stoffen, Mikroorganismen und Enzymen arbeiten – kann man damit überhaupt Feststoffe vollständig zersetzen und Gerüche verhindern?
Norbert van Noesel: Ja, das geht, es kostet aber sehr viel Arbeit, Zeit und Geld. Die in Urin und Stuhl enthaltenen „schlechten“ Bakterien müssten dann durch „gute“ Mikroorganismen zahlenmäßig übertroffen werden – dafür bräuchte man aber sehr viel Produkt, und eine Flasche wäre extrem teuer. Wir reden da von mehr als 100 Euro. In der Theorie ist es möglich, sinnvoll ist es aber nicht. Nahezu alle Produkte, die derzeit als „biologisch“ oder „auf Mikroorganismen basierend“ vermarktet werden, beziehen ihre primäre Wirkung sicherlich nicht aus dem Vorhandensein dieser Enzyme. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Marketing, das durch die Green-Claims-Richtlinie zu gegebener Zeit für ungültig erklärt werden wird.

„Wir reduzieren die Mengen bei Verpackung und Transport“

Umweltschutz

CI: Was tut Thetford denn alles, um nachhaltiges und umweltschonendes Camping zu ermöglichen?
Norbert van Noesel: Wir versuchen in allen Bereichen, jeden Tag etwas grüner zu sein als gestern. Unsere Entwickler experimentieren ständig mit niedrigeren Dosierungen der Inhaltsstoffe und suchen nach Alternativen. Wir reduzieren die Mengen bei Verpackung und Transport – zum Beispiel durch unsere konzentrierten Zusätze. Wir arbeiten daran, dass man die Toilette nicht nach 20, 30 Jahren erneuern muss, indem wir unseren Kunden erklären, wie umweltfreundlich unsere Produkte bereits sind. Mit den richtigen Mitteln und Reinigern hält eine Toilette ein ganzes Caravan-Leben. Und wer seine Toilette doch einmal auffrischen muss, hat mit dem Fresh-Up-Set oder neuerdings dem Twusch-Porzellaneinsatz zwei Möglichkeiten, ohne die Toilette komplett ersetzen zu müssen. Auch das ist Umweltschutz.

CI: Also ist das Thema Umweltschutz bei Thetford in allen Unternehmensbereichen an der Tagesordnung?
Norbert van Noesel: Umweltschutz ist ein großes Thema – auch wir wollen die Welt für die nächste Generation so gut wie möglich hinterlassen. Ich würde sagen: Wir sind zwar nicht Mr. Grün – aber Mr. Grüner-als-gestern.

Das Interview führte Maren Siepmann.